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Emmas Glück

20.08.2016

Theaterstück für eine Schauspielerin
von Caspar Harlan und Kerstin Wittstamm
nach dem Roman von Claudia Schreiber.

Kerstin Wittstamm, Emma
Caspar Harlan, Regie & Technik

Emmas Glück Plakat

Wer den gleichnamigen Film kennt, wird sich mit Sicherheit an die verstörend schöne Eröffnungsszene erinnern: Emma liegt mit einem ihrer Schweine verträumt unter dem großen Baum im Hof, krault dem massigen Tier zärtlich Bauch und Rücken - um ihm dann mit einem einzigen schnellen Schnitt die Kehle durchzuschneiden. Schlachttag bei Emma: kein Gezerre, kein Gequieke, keine Todesangst. Gestorben wird trotzdem, schließlich bewirtschaftet Emma einen Bauernhof und muss von den Erträgen leben. Emma ist einsam, aber sie hat sich mit einem beinahe trotzigen Pragmatismus darin eingerichtet.

Es muss noch jemand sterben in dieser Geschichte: Autoverkäufer Max hat vom Arzt erfahren, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat. In einer Kurzschlussreaktion klaut er das Geld seines einzigen Freundes, bucht einen Flug und will nur noch weit weg. Auf der Flucht mit einem ebenfalls geklauten Ferrari fliegt er aus der Kurve - und  landet schwerverletzt auf Emmas Hof. Damit ist die Grundkonstellation dieser „skurrilen, herzzerreißenden und ganz und gar unkitschigen Liebesgeschichte“ (TZ, München) geschaffen. Emma fehlt die Liebe, aber mit dem Sterben kennt sie sich aus. So beginnt für sie und den todkranken Max eine kurze, sehr kurze Phase gemeinsamen Glücks.

Der Film 'Emmas Glück' erzählt die Geschichte anders als der Roman, der Vorlage für dieses von Caspar Harlan und Kerstin Wittstamm verfassten Ein-Personen-Stück ist. Und doch ist das Theaterstück, schon allein durch die neue Perspektive, wieder ganz anders als das Buch. Die gesamte Handlung wird ganz und gar subjektiv aus Emmas Sicht erzählt: der Zuschauer erlebt diese Geschichte wie Emma sie erlebt - in ihrer Erinnerung oder als dramatisch geschilderte Momentaufnahme.

Emmas Glück ist eine Geschichte über das Sterben, aber eigentlich erzählt sie von der Lust auf das Leben. Was kann der todkranke Max tun, um seine Krankheit zu akzeptieren? Seine heillose Flucht ist kläglich gescheitert, aber zu seinem und Emmas Glück ist er hier gelandet: bei einer Frau, die die Liebe ersehnt und sich mit dem Tod auskennt. Auch Max kann endlich lieben und muss in Emmas Armen den Tod nicht mehr fürchten.

Die Geschichte von der verarmten Bäuerin, der das Schicksal den schwer krebskranken Max - bei jedem geschlachteten Tier erkundigt er sich nach der Bauchspeicheldrüse - auf den Hof wirft, hat alles zu bieten an menschlichen Nöten und Sehnsüchten. Der Wunsch nach Liebe, nach finanzieller Sicherheit und Geborgenheit, die Angst vor dem Tod, vor Schmerzen und der Wunsch nach Erlösung: All diese Facetten werden so authentisch und stark wiedergegeben, dass es den Zuschauer manchmal gruselt. Wenn Emma erzählt, wie ihr Großvater sie als kleines Mädchen zwang, ihm beim Töten von Spatzenjungen zu helfen und mal als Emma, mal als Großvater spricht, dann ist man ganz in der Szene und fühlt mit dem hilflosen Kind. Und während der Einstieg in den Text noch eine Aneinanderreihung von lustigen Anekdoten ist, in denen Emma ihr Leben zwischen dicken Bauersfrauen und tumben Dorfpolizisten mit derben Scherzen beschreibt, verwandeln sich Frau und Stück mit dem Erscheinen von Max zusehends. Emma hatte jeden Tag am offenen Fenster zu Gott gebetet: »Lieber Gott, mach mich reich oder glücklich», und nun hat sie einen nackten Mann in ihrem Bett (»keine Schuppen, saubere Ohren, eher mitteldicke Speckschicht») und eine Tüte Geld hinterm Trog vom Eber versteckt. Die Dollars, die Max gestohlen und seit seinem Autounfall auf Emmas Hof für verloren hält, sollen sie und ihren Hof vor dem Bankrott retten. Zusehends verwandelt sich Emma. Das Mopedfahren bringt keine Lust mehr. Und während Max und Emma sich in einen wilden Glückstaumel stürzen und die gemeinsame Zeit genießen - man liebt sich, man kocht, man schreitet über Blumen - wird der Ton zunehmend ernster, denn Max liegt im Sterben. Wie die beiden gemeinsam die Idee entwickeln, dass Emma Max aktiv von seinen Schmerzen erlösen könnte, das ist gut und glaubwürdig inszeniert. Emma, die ihre Schweine beim Schlachten stets zärtlich im Arm hält und ihnen noch eine Geschichte erzählt, bevor das Tier sein Leben ganz langsam loslässt, soll Max töten. Sie soll das tun, »was man nicht mal denken kann». Ganz am Ende, als Emma Max in ihren Armen hält, um ihn von seinen Schmerzen zu befreien, ihm also die Halsschlagader mit ihrem Schlachtemesser zu zertrennen, da sind scherzhafter Anfang und trauriges Ende ganz nah beieinander: Bevor sie vollstreckt, erzählt sie auch Max noch eine Geschichte. Eine mit ordentlich derbem Humor, so dass das Publikum kichern muss. Und dann kommt der Tod, und für Emma die Freiheit. Sie, die sich durch ihre Tiere an den Hof gekettet fühlte, ist durch die Liebe zu einem Mann befreit. Sie nimmt das Geld und verschwindet - ohne Bitterkeit und ohne Reue.

Szene Emmas Glück

Ein Rührstück? Nicht die Bohne! Das verhindern die Hauptfigur, eine gefühlvolle aber alles andere als sentimentale Emma und die lebendige, ganz offenkundig seelenverwandte Schauspielerin - sowie Regisseur Caspar Harlan, dem alle falschen Töne fremd sind: „Gefühl ja, aber bloß kein Pathos bei diesem Thema.“

Kerstin Wittstamm hat das Theaterhandwerk u.a. beim Zelttheater Compagnia Buffo gelernt und weiß, dass gutes Theater immer 'Theater im Kopf' ist, dass es auf Imagination, die Verzauberung des Zuschauers ankommt. In 'Emmas Glück' erzählt sie Emma nicht, sie ist Emma. So wie sie auch Max ist und all die anderen tragisch-komischen Figuren dieser Geschichte. Unversehens wechselt der Text von der Vergangenheit ins Präsens, wachsen aus der Rückschau Dialoge, werden Situation dramatisch zugespitzt: Drama, Krimi, Liebesgeschichte. Angetan hat es ihr dieser Stoff schon sehr lange. Als sie dann vor einem Jahr, zunächst zaghaft, bei der Autorin um die Rechte nachfragte, fand sie zu ihrem Erstaunen alle Türen offen. Claudia Schreiber empfindet offenbar großes Vergnügen daran, dass ihre 'Emma' in der künstlerischen Auseinandersetzung (Buch, Film, Hörspiel) immer neue Facetten bekommt und nun, in diesem Ein-Frauen-Stück, eine sehr persönliche, fast intime Stimme erhält.

Caspar Harlan ist Regisseur, Autor und Schauspieler. Er hat seit 1969 in vielen Bereichen, vom Theatertechniker und Beleuchter bis zum Dramaturgen für das Theater und für's Fernsehen gearbeitet.

Weitere Infos: www.freiebuehnewendland.de

Einlass: 19:15 Uhr

Beginn: 20:00 Uhr

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